Ludwigs
Burg
Festival

Forscherin der Formen

Über Sasha Waltz und »Dido & Aeneas«

Ein Beitrag von Dr. Jonas Kellermann

Sasha Waltz gehört zu den bedeutendsten Choreografinnen der Gegenwart. Wie kaum eine andere hat sie es geschafft, das in Deutschland so stark verwurzelte historische Erbe des Ausdruckstanzes und des modernen Tanzes auf der internationalen Bühne fortzuführen und es zugleich durch Einflüsse des postmodernen Tanzes zu hinterfragen und zu erneuern. Dabei gibt sie sich nie mit dem Status Quo zufrieden. Immer wieder versucht sie, neue Wege zu finden, zwischen Tanz und Raum zu verhandeln. Ob abendfüllende Tanzstücke, oder performative Inaugurationen von Gebäuden wie 2009 das Neue Museum in Berlin oder die Elbphilharmonie 2017 in Hamburg: Sasha Waltz erforscht sowohl die körperlichen Formen des Tanzes als auch die räumlichen Formen der Architektur und lässt beide Seiten in einen zutiefst emotionalen Dialog miteinander treten, wie ein Blick auf ihre Schaffensgeschichte offenbart.


1993 gründet Sasha Waltz zusammen mit Jochen Sandig ihre Kompanie Sasha Waltz & Guests in Berlin, wo das Ensemble bis heute seinen Sitz hat und in den 1996 gegründeten Sophiensälen eine ihrer ersten Spielstätte findet. Ihre frühen Stücke, wie zum Beispiel die »Travelogue Trilogie« (1993-95), aber auch »Allee der Kosmonauten« (1996), sind dabei von einer fast schon Slapstick-artigen Situationskomik geprägt, die auf unterhaltsame wie intelligente Weise die Absurditäten und Tragödien des Alltags darstellen. Als sie 1999 Teil des Leitungsteams der Schaubühne am Lehniner Platz wird, wendet Waltz sich daraufhin mit dem dort entstehenden Werkzyklus »Körper« (2000), »S« (2000) und »noBody« (2002) jedoch von dieser bisherigen Ästhetik zunächst ab. Ihre Stücke nehmen nunmehr einen deutlich abstrakteren und nachdenklicheren Ton an. An die Stelle von Situationskomik treten existentielle Fragen über menschliches Begehren, Leben und Tod. Dank der architektonischen Größe der von Erich Mendelsohn entworfenen Schaubühne gewinnen ihre Kreationen hier eine zusätzliche visuelle Ebene indem Waltz große Bühnenbilder und Bühnenbildelemente fast schon skulptural in ihre Inszenierungen einbaut, man denke nur an die Wand in »Körper« oder die Wolke in »noBody«. Bühnenbild und Kostüme dienen jedoch nicht der bloßen Dekoration bei Sasha Waltz, sondern sind stets integraler Teil ihrer Dramaturgien und werden häufig auch von den Tänzer*innen bespielt. Eine Arbeitsweise, die sich bis heute fortsetzt, wie man an den avantgardistischen Kostümen von Iris van Herpen für »Kreatur« (2017) oder jüngst an der Wand in »SYM-PHONIE MMXX« (2022) erkennen kann.


In Sasha Waltz‘ Inszenierung von »Dido & Aeneas« treffen beide Ästhetiken aufeinander. Die Verspieltheit ihrer früheren Werke verbindet sich mit dem Existentialismus ihrer Zeit an der Schaubühne, um den musikalischen und emotionalen Facettenreichtum der Barockoper von Henry Purcell szenisch umzusetzen. Während beispielsweise im dritten Akt einige Momente wie Didos bewegende Wehklage »When I am laid in earth« an die Melancholie von »noBody« erinnern, schwingt in der Ballettstunde am Ende des ersten Aktes unverkennbar die humorvolle Leichtigkeit ihrer Frühwerke mit. Auch gibt es mit dem großen Aquarium direkt zu Beginn des Prologs ein mittlerweile nahezu ikonisches Bühnenbild, welches nicht nur das Publikum in die mythische Welt Vergils eintauchen lässt, sondern auch optisch antizipiert, wie die verschiedenen Künste in der Inszenierung von Sasha Waltz zusammenfließen werden.


Zugleich zeichnet sich »Dido & Aeneas« aber ebenfalls durch eine gänzlich unverwechselbare Einzigartigkeit aus. 2005 am Grand Théâtre de la Ville de Luxembourg uraufgeführt und kurz danach auch an der Staatsoper Unter den Linden zu sehen, ist es Sasha Waltz’ erste Operninszenierung, mit der sie ihre individuelle Form des Musiktheaters, die choreografische Oper, begründet. Vorangegangen war der Produktion ihre Choreografie von Franz Schuberts »Impromptus« 2004 an der Schaubühne, in der Waltz als vorbereitende Studie zu »Dido & Aeneas« erstmalig mit klassischer Musik gearbeitet hatte. Die Vorbereitung zu Dido kulminiert letztendlich in einer Inszenierung der Purcell-Oper, welche die langlebige institutionelle Trennung zwischen Gesang und Tanz ganz bewusst aushebt. Alle Mitglieder des Ensembles werden Teil eines großen theatralen Körpers, der die tragische Liebesgeschichte auf sowohl singende als auch tanzende Weise erzählt. Dieses Bestreben, Gesang und Tanz im Rahmen der Oper zusammenzubringen, führt Waltz in den darauffolgenden Jahren in einer Reihe von musikalisch höchst unterschiedlichen Produktionen fort, die von der französischen Romantik von Hector Berlioz über Richard Wagners Gesamtkunstwerke bis hin zu den zeitgenössischen Opern von Pascal Dusapin reicht. All diesen Kreationen gemein ist der Wunsch, eine expressive Brücke über die tradierten Gräben zwischen Musik, Gesang, und Tanz zu schlagen. »Dido & Aeneas« zeigt beispielhaft, welche Freiräume sich eröffnen, wenn die lang gehegten Grenzlinien zwischen den Kunstformen auch einmal verwischt werden. Diese Freiräume machen es nicht nur zu einer quintessentialen choreografischen Oper, sondern auch zu einem quintessentiellen Werk von Sasha Waltz.


Bild © André Rival

»Prohaska Emcke LaFolia« am 7. Juli im Ordenssaal +++  »Prohaska Emcke LaFolia« am 7. Juli im Ordenssaal +++  »Prohaska Emcke LaFolia« am 7. Juli im Ordenssaal +++  »Prohaska Emcke LaFolia« am 7. Juli im Ordenssaal +++  »Prohaska Emcke LaFolia« am 7. Juli im Ordenssaal +++  »Prohaska Emcke LaFolia« am 7. Juli im Ordenssaal +++